Einweihung der Trauerstätte

20.09.2003

Gottesdienst

Ja, es sind viele unter uns, die um ein Kind trauern. Manchmal ist der Schmerz hautnah, dringt in die Träume ein und macht den Tag grau und schwer - manchmal geht es einfach, dann tut es nicht mehr weh,dann sind andere Gedanken und Arbeiten und Gefühle wach und lebendig.  weiter...


Ansprache von Peter Hintze MdB
Schirmherr

Sehr geehrte Frau Pfarrerin Wiederspahn,
sehr geehrte Initiatorinnen der Trauerstätte,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es hat mich sehr berührt, dass ich gebeten wurde, die Schirmherrschaft für diese Trauerstätte zu übernehmen.
Die wichtigste Aufgabe eines Schirmherrn ist es ja, die Idee, um die es geht, in Schutz zu nehmen und öffentlich zu vertreten. Diese Aufgabe habe ich gerne übernommen.

Die Idee, die uns heute hier auf dem Friedhof zusammenführt, die Erinnerung an verstorbene, für immer von uns genommene Kinder, ist von großer Tiefe, von heftigem Schmerz und von großer Liebe gekennzeichnet. Wir wollen uns unser Leben lang erinnern an einen Sonnenschein in unserem Leben, der verloschen ist. Wir wollen unsere Trauer und unserer Klage einen Raum schaffen. Wir wollen die guten Erinnerungen fest bewahren und Trost suchen.
Dafür ist der Friedhof ein guter, ein friedlicher Ort. Ein Ort der Erinnerung, damit nach dem biologischen Tod nicht noch der Tod des Vergessens folgt.
Trauer - das ist liebevolle und zugleich schmerzhafte Erinnerung an den größten Verlust, den wir im Leben erleiden können. Den Tod eines lieben Menschen, den wir noch gerne bei uns hätten. Wer würde da nicht hadern mit dem Leben, mit eigenen Schuldgefühlen, mit Gott? Dieser Hader soll nicht das letzte Wort behalten. Sondern die Zuversicht, dass bei Gott alles gut wird.
Bei der Realisierung dieser Trauerstätte, beim Planen und Sprechen haben die Beteiligten erfahren, wie das Gefühl, in einer Gemeinschaft zu sein, das eigene Leid erzählen zu können, geholfen hat. "Einer trage des anderen last" - so lädt uns die Bibel ein und wir spüren, wenn wir einander tragen helfen, wird die eigene Last leichter.
Diese Trauerstätte lädt ein zu stillem Besuch, zu gemeinsamem Gebet und auch zur Klage, wenn uns danch ist.
Mein Dank gilt denen, die diesen Ort möglich gemacht haben: Frau Pfarrerin Wiederspahn, die ihren ganzen Elan in dieses Projekt eingebracht hat und den anderen Mitinitiatorinnen, die aus ihren schicksalhaften Erfahrungen und dem eigenen Erleben die Energie zur Entfaltung dieser Trauerstättenidee gewonnen haben. Mein Dank gilt Christiane Püttmann für ihre eindrucksvollen Skulpturen und Uwe Hoffmann für seinen künstlerischen Beitrag. Den für die architektonische Planung Zuständigen danke ich für die würdige und Halt gebende Gestaltung dieses Ortes. Ganz besonders möchte ich auch die Friedhofsarbeiter nennen, die mit großem Geschick und viel Liebe diese Trauerstätte hergerichtet und bepflanzt haben. Mein Dank gilt den Menschen und Firmen, die mit ihrer Spende die Realisierung möglich gemacht haben. Es fehlt noch ein Restbetrag, den ich Ihnen als Bitte ans Herz lege.
Diese Trauerstätte will dazu einladen, die Kinder, die wir für immer verloren haben, in großer Liebe im Gedächtnis zu behalten, in der Gewissheit, dass sie jetzt bei Gott ihre letzte Ruhe haben. So werden wir frei für unser eigenes Leben. Lieb haben und loslassen können gehören zusammen.

  Im Psalm 4 heißt es im Vers 9:

"Ich liege und schlafe ganz in Frieden, denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne."

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Weiterführung der Predigt von Pfarrerin Sylvia Wiederspahn

Es tut auch weh, hierherzukommen: sich seinen Erinnerungen zu stellen. Wieder diesen Schmerz auszuhalten. Und nicht zu wissen, wann er wieder geht.
Jans Eltern sind heute nicht gekommen. Gestern war Jans Geburtstag und die Erinnerung war wieder so lebendig.
Mit 16 Jahren hat Jan sein Leben beendet. Zuerst schmerzte der Liebenskummer, dann kamen Schulprobleme, sein bester Freund zog weg; er hat es nicht mehr ausgehalten. Jetzt müssen seine Eltern und seine jüngere Schwester ohne ihn weiterleben. Warum konnten wir ihm nicht helfen, fragen sie sich und leiden jeden Tag.
Unendlich ist der Schmerz, den Jans Eltern erleben. Nie wieder ist ihr Leben so wie es vorher war. Es gibt auch keinen Trost, denn sie finden keine Antwort auf die Frage nach dem Warum.
Zu ihrer Trauer gesellt sich die Erfahrung von Sprachlosigkeit. Freunde und Verwandte fragen nicht nach Jan, sie wollen nicht an der Wunde rühren, sie sind hilflos angesichts der großen Trauer. Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Sie würden schon gerne helfen, aber es gibt nur die Möglichkeit, den Schmerz der Eltern zu begleiten, dazu sein und zuzuhören - wer traut sich das zu?
Jans Familie drohte an der Trauer zu zerbrechen, sie versuchten, den Verlust zu verstecken, zu verdrängen. Es dauerte über ein Jahr bis sie sich entschlossen, in  eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern zu gehen. Hier fanden sie Gesprächspartner und erfuhren, wieviele Betroffene es gibt.
Es ist schwer, in unserer Zeit mit Trauer im Herzen zu leben: andere Werte zählen. Der Tod wird lieber ausgegrenzt. Trauerkleidung, Trauerzeit - das alles haben wir hinter uns gelassen, der Tod soll nicht sichtbar sein.
Als einziger öffentlicher Ort der Trauer sind unsere Friedhöfe geblieben. Sie erinnern uns an die Endlichkeit jeden Lebens. Hier ist es sichtbar, dass der Tod zu jedem Leben gehört.
Jans Eltern haben in schweren Jahren gelernt, die Trauer um ihren Sohn als Teil ihres Lebens anzunehmen. Kein Tag vergeht, an dem sie nicht an Jan denken. Sie leben ohne ihn.
In diesen Jahren hat ihnen immer wieder Psalm 139 geholfen. 

            Von allen Seiten umgibst du mich und hälst deine Hand über mir.

            Führe ich gen Himmel, so bist du da.

            Bettete ich mich bei den Toten, siehe, auch da bist du.

            Nähme ich Flügel der Morgenröte

            Und bliebe am äußersten Meer,

            so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Es ist der Glaube, dass Gott auch bei den Toten ist. Jan ist nicht allein, irgendwo - er ist von Gott nicht vergessen, Gott trägt ihn, hält ihn. Ich mag ihn vergessen, seine Freunde mögen ihn vergessen - Gott nicht. Von allen Seiten umgibt er ihn.
Diesen Gedanken, diesen Glauben wollen wir mit der Trauerstätte ausdrücken: der Kelch und die Blüten aus Metall, die Sträucher und Blumen und Bäume drumherum - sie zeigen, dass wir eingebunden sind in Werden und Vergehen.
Die Skulpturen erinnern an unsere verstorbenen Kinder, gleich welchen Alters. Sie sind in uns da. Sie bleiben uns so nah.
Ich glaube, dass alles Leben seine Vollendung bei Gott findet, dass Gott niemanden entlässt aus seiner Liebe - nicht im Leben, nicht im Tod.

Amen.

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